Der 60 inch Driver
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Der 60 inch Driver

Ich habe vor kurzem eine großartige Geschichte gehört, die ich mit meinen Lesern teilen möchte. Als in den USA auf dem Golf Channel die Übertragungen von den ersten Long Drive Championships ausgestrahlt wurden, gab es plötzlich einen Boom bei der Nachfrage nach Drivern mit extra langen Schäften. Die Kraftprotze der Long Drivers Association bewegten damals ihre überlangen Driver mit brachialer Gewalt auf oftmals über 360 Meter. Mit solchen Drives würden diese Spieler nicht selten auf Par 4 Bahnen hinter dem Grün landen.

Allerdings passierte es den Teilnehmern auch mit einer gewissen Regelmäßigkeit, dass sie keinen ihrer sechs Versuche in den Wertungskorridor brachten, der typischerweise knapp 40 Meter breit war. Zwar war nach so einem Salto Nullo für den Long Driver der Bewerb vorbei, andererseits mussten sich diese Burschen aber wenigstens keine Gedanken über den zweiten Schlag oder einen verschobenen Putt machen, da dieser Teil des Spiels in ihren Bewerben recht stiefmütterlich behandelt wurde.

Ein sehr bekannter Clubfitter und Clubmaker, Tom Wishon, machte sich also zum Spaß daran einen Driver mit einem 60 inch (ca. 152 cm) Schaft zu basteln. Mit seinem neuen Gerät bewaffnet fuhr er auf einen Besuch bei Freunden, die den Driver natürlich sofort ausprobieren wollten und sich damit auf den Weg zu dem nähesten Golfplatz machten. Mit von der Partie waren Tammie Green, eine damalige Ladies PGA Tour Spielerin und ihr Bruder Todd. Todd prahlte im Clubhaus ein wenig mit der neuen Wunderwaffe und bot jedem Anwesenden an, den Driver doch auszuprobieren. Er verlangte für jeden Versuch einen Dollar und versprach im Gegenzug jedem Spieler zwei Dollar, wenn es ihm gelang über ein 190 Meter entferntes Hindernis auf dem ersten Fairway zu schlagen.

Kaum hatte er dieses Angebot ausgesprochen sah man schon Hände nach Geldbörsen greifen und schnell nahm das Treiben seinen Lauf. Den Lockvogel übernahm natürlich Todds Schwester Tammie, die immer nach ein paar getoppten oder unterschlagenen Drives scheinheilig nachfragte, ob denn sicher mit dem Driver alles in Ordnung sei, oder ob Todd an dem Gerät etwas manipuliert hätte, was dazu führte, dass die Burschen den Schläger so schlecht treffen würden. Und nur um sicher zu gehen, dass alles mit rechten Dingen zu gehe, machte sie sich selbst mit ihrem wunderbar rhythmischen Ladies Tour Schwung ans Werk um den Ball über das Hindernis zu schlagen und hatte natürlich keinerlei Probleme dabei. Am Ende der Geschichte wanderten Todd, Tammie und Tom mit über 100 Dollar in der Tasche davon, gönnten sich davon ein nettes Abendessen und die an der Wette teilnehmenden Burschen hatten eine Lektion über Trefferqualität und Präzision mit überlangen Drivern gelernt. Die Phrase die man an dem Tag wohl am öftesten gehört hat war: „Gib mir das verdammte Ding noch einmal. Ich bin mir sicher, dass ich den treffen kann“.

Es ist natürlich grundsätzlich richtig, dass man mit einem längeren Schaft tatsächlich höhere Schlägerkopfgeschwindigkeiten erreichen kann als mit einem kürzeren. Die Korrelation zwischen diesen beiden Faktoren ist aber weniger stark als man intuitiv erwarten würde. Speziell Spieler, die ihren Handgelenkswinkel früh auflösen haben nahezu keinen positiven Effekt durch mehr Schaftlänge und nur für Spieler mit einer ausgesprochen guten Technik wird der Faktor überhaupt nennenswert groß. Trotzdem sieht man selbst auf den Profitouren dieser Welt extrem selten Spieler mit außergewöhnlich langen Schäften. 60 inch wie in der Geschichte zuvor sind ohnehin ausgeschlossen, da es in den Golfregeln ein gültiges Schaftlängen-Limit von 48 inch gibt, aber selbst dieses wird nur in den seltensten Fälle von einem Spieler ausgereizt. Die durchschnittliche Schaftlänge der Driver auf der US-PGA Tour liegt sogar nur bei 44 1/2 inch und damit ungefähr 1 1/2 inch (fast 4 cm) unter der durchschnittlichen Schaftlänge aller Hersteller auf dem aktuellen Markt.

Nachdem sich also selbst die besten Spieler der Welt nicht in der Lage sehen überlange Schäfte kontrollieren zu können, wie sollten wir Normalsterbliche dann dazu fähig sein?

Meiner Meinung nach kann jeder Spieler, der in der Lage ist, den Ball mit einem mittleren Eisen einigermaßen wiederholbar zu treffen, auch einen Driver spielen. Möglicherweise nicht in der Länge die derzeit als
„Standard“ verkauft wird, aber gut angepasst kann der Driver auch zu Ihrem Lieblingsschläger werden.